Der Einfluss von Biases auf die Zukunftswahrnehmung

June 15, 2016

 Unsere Zukunft ist offen. Jedoch hängt sie davon ab, WIE wir über sie denken, also wie wir die Zukunft wahrnehmen. Manche behaupten, die Zukunft sei vorhersagbar und linear. Man könne alles vorher einplanen, die nötigen Entscheidungen treffen und diesem Plan folgen. Doch am Ende stößt man auf unerwartete Ergebnisse, große Abweichungen und nicht erwünschte Konsequenzen. Wie kann das sein?

 

Wenn wir Prognosen erstellen, werden wir oft unbewusst von eingeprägten Denkmustern gesteuert, die man auch Heuristiken nennt. Sie  beeinflussen unter anderem auch unsere Zukunftsbilder. Heuristiken helfen uns im Alltag, schnell eine Entscheidung zu treffen und optimieren dadurch unsere Denkprozesse. Auf der anderen Seite verzerren sie unsere Wahrnehmung, so dass wir oft nicht die „bestmöglichen“ Entscheidungen treffen, sondern nur „ausreichend gute Entscheidungen“. Wenn man Heuristiken ungeachtet verwendet, kommt es nicht selten zu ungewünschten kognitiven Effekten oder Biases.

 

Also nächstes Mal, wenn Sie eine wichtige Entscheidung treffen müssen, überlegen Sie sich: kommt Ihre Entscheidung aus dem Bauch hervor? Wird sie schnell getroffen? Ist die Unsicherheit dabei hoch? Verwenden Sie auch Faustregeln? Dann können bei Ihnen möglicherweise Biases ins Spiel kommen. 

 

 In diesem Blogpost werden drei Heuristiken und deren Folgen gezeigt: Represäntativitätsheuristik, Verfügbarkeitsheuristik und Verankerung. Um den Post mit Beispielen zu belegen, haben wir ein Denkexperiment durchgeführt. Unsere deutsche Befragte (N=23) mussten „verwirrende“ Fragen beantworten. Um manche Biases deutlicher zu zeigen, haben wir dieselben Fragen an nichtdeutsche Befragte (N=23) gestellt.

 

Viele Biases kommen vor, wenn man mit Zahlen konfrontiert wird. Je nachdem, wie die Frage formuliert wird, ändern sich die Einschätzungen. Hier ist ein Beispiel dafür.

 

Frage 1: Was ist Ihre Einschätzung, eins von wie vielen Autos wird ein elektrisches Auto auf den deutschen Straßen im Jahre 2020 fahren?

 

  • Eins von 100

  • Eins von 70

  • Eins von 50

  • Eins von 20

  • Eins von 10

  • Eins von 5

 

 

Die meisten deutschen Befragten haben aus den Nachrichten erfahren, dass das Ziel von „Einer Million elektrischen Auto im Jahr 2020“ eher nicht erreicht wird. Dementsprechend schätzen sie den Anteil von E-Autos im Jahr 2020 als niedrig ein – eins von 100 Autos bis eins von 50 Autos.

 

 

 

Bild 1: Anteil von E-Autos, deutsche Befragte

 

 Die nichtdeutschen Befragten dagegen stellen sich die Zukunft von E-Autos in Deutschland optimistischer vor: die meisten Antworte liegen im Bereich „eins von 50 Autos“ und höher. Hier ist die Representativitätsheuristik zu sehen. Deutschland gilt im Ausland traditionell als innovativer Autohersteller. Die nichtdeutschen Befragten stützen ihre Entscheidung auf dieses Stereotyp und behaupten, Deutschland werde auch im Bereich E-Mobilität schneller vorangehen.

Bild 2: Anteil von E-Autos, nichtdeutsche Befragte

 

 

Nun zurück zu den deutschen Befragten. Wir wollten überprüfen, ob sie die Zukunft von E-Mobilität wirklich so skeptisch sehen und haben einen Anker mit irrelevanter Information zu der Frage hinzugefügt.

 

Frage 2: 2015 waren 18 Prozent aller Neuzulassungen in Norwegen strombetriebene Fahrzeuge. Wie hoch könnte Ihrer Einschätzung nach der prozentuale Anteil elektrischer Fahrzeuge auf deutschen Straßen im Jahr 2020 sein?

  • 1-2%

  • 3-5%

  • 6-10%

  • 11-15%

  • 16-20%

  • >20%

 Neun Befragte haben den Anker erkannt und Ihre Meinung bestätigt. Doch die Mehrheit hat die irrelevante Inofrmation über Neuzulassungen in Norwegen wahrgenommen und schätzte den Anteil elektrischer Fahrzeuge auf deutschen Straßen in 3-5%, was der Antwort „Eins von 20“ im Bild 2 entsprechen würde - der Antwort, die früher nicht vorkam. Generell gilt Verankerung als ein starker Effekt, der unsere Wahrnehmung stark verzerren kann.

Bild 3: Anteil von E-Autos, Frage mit Anker

 

Ein letztes Beispiel ist die Frage über Aktien. Die Befragten mussten ein Portfolio aus Aktien von drei deutschen Unternehmen erstellen, zuerst anhand von Firmennamen, dann -  anhand von Aktien-Charts für die letzten drei Jahre.

 

Frage 3: Welche Aktien würden Sie für Ihr Portfolio auswählen? Drei Nennungen sind möglich

 

 

 Unsere Ergebnisse zeigen, dass Daimler bei den Deutschen Befragten nicht beliebt ist. Die meistgewählten Aktien sind Fresenius, BMW und BASF. Das scheint für viele auch logisch. In letzter Zeit gab es viele Nachrichten über Abgas-Skandale, an denen Daimler angeblich beteiligt war. Bei der Befragten kam die Verfügbarkeitsheuristik ins Spiel - "wähle das, was du gut kennst oder das, was du glaubst gut sein wird"  - und viele haben sich gegen Daimler entschieden. Wenn aber die Firmennamen durch Charts ersetzt werden, wird das Geld fast gleichmäßig unter 6 Unternehmen verteilt.

Bild 4: Beliebteste Aktien

 

 

Und was wird von Marktexperten empfohlen? Auf dem Bild 5 sind die Kursziele von über 20 Finanzanalysten zusammengefasst. Es ist deutlich zu sehen, dass Aktien von Daimler das größte Potenzial aufweisen, wobei Aktien von BASF auf dem letzten Platz stehen.

 

 

 

 

 

 

Bild 5: Dax-Aktien: Die Kursziele der Analysten

 

Nun, zur Handlung. Wie können Sie Ihre Prognose plausibler machen und dadurch die Wirkung von Biases minimieren? Hier sind ein paar Techniken und Methoden.

 

Wir fangen mit Backcasting an: versuchen Sie, sich das Zukunftsbild vorzustellen und dann schrittweise zurück zu gehen. Bleibt das Bild immer noch plausibel und kohärent oder tauchen plötzlich Wiedersprüche auf?

 

Generell empfehlt sich, sich jede große Entscheidung in Optionen zu überlegen. Welche Alternativen wären für die Entscheidung denkbar? Sind sie plausibel? Vielleicht denken Sie normativ und bevorzugen eine Option von Anfang an. Wenn ja – warum?

 

Falls ein Szenario bei Ihnen besonders beliebt ist, setzen Sie Advokatus Diaboli ein: bringen Sie Gegenargumente ins Spiel, nach dem Motto – warum wird meine Entscheidung nicht wie erwartet umgesetzt?

 

…und vergessen Sie nicht nachzudenken!

 

(Der Vortrag auf der Langen Nacht der Wissenschaften N8 in Berlin)

 

 

 

 

 

 

 

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